Schulbank drücken statt Steine klopfen

Im indischen Städtchen Yeleswaram sah der Alltag von Kindern, die deutlich unter zehn Jahren alt waren, lange Zeit so aus: Mit einem Hammer, dessen Stil nur unwesentlich kürzer als sie selbst war, schlugen sie größere Steinbrocken zu kleinem Schotter. Dabei trugen sie nichts außer einer kurzen Hose und einem Shirt. Umherfliegende Steinsplitter verletzten Arme und Beine, manchmal das Gesicht. Waren sie unachtsam, konnte der Hammer den nackten Fuß treffen, mit dem sie den Stein fixierten. Eine Schule hatten sie noch nie von innen gesehen. Lesen und Schreiben lernten sie ihr ganzes Leben nicht – ein Leben, das oft nicht lang währte. Waren sie alt genug – 16, 17 oder 18 Jahre – mussten sie größere Hämmer nehmen, schwerere Steine zerschlagen oder hinauf in die steile Felswand und nur minimal gesichert Felsbrocken lösen, die dann von den unten wartenden Jüngeren zerschlagen wurden. Der Steinstaub schädigte ihre Lungen früh und die viel zu harte, entbehrungsreiche Arbeit kostete zusätzliche Lebenszeit.

Keine Kinder mehr in den Steinbrüchen

Gott sei Dank ist dieser Zustand Geschichte. Wenn man heute durch die Steinbrüche der Region geht, sieht man keine Kinder mehr dort arbeiten. Vereinzelt trifft man in Yeleswaram jedoch auf junge Erwachsene mit guter Ausbildung, die sich noch an ihre Kindheit im Steinbruch erinnern. Sie bekamen die Möglichkeit, die Schule am Steinbruch zu besuchen, eine Schule, die die Hilfsorganisation wortundtat seit 1995 dort betreibt. Es gelang der Organisation, immer mehr Eltern aufzuzeigen, wie wichtig Bildung für die Zukunft ihrer Kinder ist. Denn nur mit schulischer Bildung bekommen die Kinder Aussicht auf eine Ausbildung oder gar ein Studium. Das wiederum ist der Schlüssel für eine Zukunft ohne die lebensgefährliche und schlecht entlohnte Arbeit in den Steinbrüchen.

wortundtat bietet umfassende Hilfe

Nicht immer war es leicht, die Eltern vom Sinn der Schule zu überzeugen. Kein Vater und keine Mutter hatte die Kinder aus Rücksichtslosigkeit zur Arbeit mitgenommen. Die blanke Not hatte sie getrieben: Der Lohn der Eltern war so niedrig, dass sich die Familie nur mit den Einnahmen der Kinder über Wasser halten konnte. Daran orientiert sich das wortundtat-Hilfsangebot: Die wegfallenden Einnahmen fängt wortundtat auf, indem die Kinder an der Schule mit Essen und Kleidung versorgt werden. Sie erhalten das Schulmaterial und andere notwendige Dinge für das tägliche Leben.

Mit rund 1.900 Schülerinnen und Schülern hat die Schule vor einigen Jahren ihre volle Auslastung erreicht: Etwa 1.800 Kinder besuchen die regulären Schulklassen. Hinzu kommen 100 Mädchen und junge Frauen in zwei Klassen der Nähschule. Möglich wurde dieser Erfolg nicht zuletzt durch die Unterstützung aus Deutschland, Österreich und der Schweiz: Viele Menschen haben Klassenpatenschaften übernommen und unterstützen mit 24 Euro im Monat die Versorgung eines Platzes in der Schule. Auch die Stiftung Chancen für Kinder engagiert sich umfangreich.

Ehemalige Schüler haben heute gute Jobs

Der Erfolg kann sich sehen lassen: Wenn heute wortundtat-Mitarbeiter in die Steinbrüche gehen, ist es die absolute Ausnahme, wenn dort noch Kinder bei der Arbeit angetroffen werden. Und viele Ehemalige berichten davon, wie sie dank der Schule die Grundlage für eine weitere Ausbildung erhalten habe. Trotzdem werden immer weiter Paten für die Schulkassen gesucht.

Wo Kinder Felsbrocken zu Schotter schlagen

„Wie Nebel wabern die weißgrauen Staubwolken durch die Luft. Die Natur ist nicht grün, vielmehr liegt ein puderzuckerähnlicher Schleier auf Gräsern, Blättern, Ästen. Immer lauter wird das monotone Klopfgeräusch unzähliger Hämmer. Und dann der Blick auf das ausgehöhlte Halbrund: Kinder hocken auf Bergen von spitzem, scharfem Gestein und schlagen die Brocken mit ihrer ganzen kleinen Körperkraft zu feinem Schotter für den Bau von Häusern der Besserbetuchten. Kinder hängen in den schroffen, steil aufragenden Wänden, stemmen die schweren Presslufthämmer in den Fels, barfuß und kaum notdürftig angeseilt. Kinder balancieren am Rand des Massivs, geben den Steinblöcken den letzten Schub, damit sie in die Tiefe donnern.

Erschütternder Alltag in den Steinbrüchen von Yeleswaram, in einem Winkel des südindischen Bundesstaates Andhra Pradesh. Knochenarbeit bereits für die Kleinsten. Jahraus, jahrein. Sechs Tage die Woche, zehn Stunden am Tag. Für ganze drei Euro. Nicht am Tag. Im Monat. Kinder ohne Kindheit.

Sathi, neun Jahre alt, zeigt seine blasigen, schwielenbedeckten Handflächen. Seit er fünf ist, geht er jeden Morgen mit seinen Eltern, dem Bruder und den beiden Schwestern in den Steinbruch, wenige Schritte von ihrer winzigen Behausung aus Lehm entfernt. Ebenso Veera, gerade einmal zehn Jahre alt. Das schmächtige Mädchen kam mit ihrem Vater, bis der sich schwer verletzte. Beim Zertrümmern des Granits sprang ihm ein Splitter ins linke Auge. Veeras Großvater kann schon seit Jahren nichts mehr zum Familieneinkommen beitragen. Sein Bein geriet zwischen zwei Felsblöcke und Geld für einen Arzt war nicht übrig.

Ihre Patenschaft für ein Kind in den Steinbrüchen

Die Patenschaft oder Spende ermöglicht es einem Kind, das bisher im Steinbruch gearbeitet hat, die Schule zu besuchen. Es kann damit den Kreislauf durchbrechen, in dem seine Familie schon seit Generationen steht: Weil sie nichts gelernt haben, sind sie nur als Tagelöhner einsetzbar. Weil es so viele Tagelöhner gibt, bekommen sie sehr wenig Lohn für ihre Arbeit. Weil sie so wenig verdienen, müssen alle Familienmitglieder, auch die Alten und die Kinder, mitarbeiten. Weil die Kinder mitarbeiten müssen, können sie nicht zur Schule gehen und arbeiten später als Erwachsene wieder als Tagelöhner.

Diesen Kreislauf können Sie mit der Patenschaft oder Spende durchbrechen. Die Kinder erhalten eine neue Chance für ihr Leben. Pro Kind benötigen wir 216,- Euro im Jahr, für zum Beispiel 5 Jahre 1.080,- Euro. Damit kann das Kind die Schule besuchen, wird medizinisch versorgt, erhält Nahrung und Kleidung und braucht nicht mehr im Steinbruch zu arbeiten.

Da die Eltern dringend auf die Einnahmen der Kinder angewiesen sind, erhalten auch die Eltern einen finanziellen Beitrag. Die Schulen werden von der Stiftung „Wort und Tat“ gebaut und organisiert.